Geschichte

In einem vollkommen unterirdisch angelegten Museumparcours begegnen die Besucher den Ausstellungsobjekten dort wo sie jahrhundertelang weilten.

Ein Museumsbesuch soll Unterhaltung bieten. Diesem Credo folgend haben Fachleute die Gestaltung des Prokulus Museums in die Hand genommen.

Herzstück der Ausstellung sind die archäologischen Funde aus der Kirche und dem dazugehörigen Friedhof. Der Museumsparcour ist vollkommen unterirdisch angelegt. Die Besucher begegnen den Ausstellungsobjekten also dort, wo sie Jahrhunderte lang verborgen lagen.

Filmsequenzen führen in die einzelnen Themenbereiche ein. Sie geben einen kurzen Überblick zur jeweiligen Epoche und veranschaulichen die Geschehnisse rund um St. Prokulus.

Spätantike

Während der archäologischen Grabungen in den Jahren 1985 und 1986 konnten im Eingangsbereich der heutigen Kirche Mauerreste eines spätantiken Hauses freigelegt werden. Neben Teilen der 60 cm starken Außenmauern kamen verschiedene Pfostenlöcher und eine Herdstelle aus Steinplatten zum Vorschein. Dem Befund zufolge besaß das Gebäude einen Sockel aus Stein, während Wände aus Holz wahrscheinlich waren.
Um 600 n. Chr. wurde das Haus von einem Brand zerstört. Die exakte Datierung der Brandkatastrophe ermöglicht das Fragment eines Schmuckstückes, vermutlich eines so genannten Körbchenohrringes, das aus der Brandschicht geborgen wurde. Daneben fanden sich Überreste des einstigen Hausrats, wie etwa Bruchstücke eines Trinkgefäßes aus Lavez. Ein Mühlstein diente zum Malen von Getreide. Zum Tischgeschirr gehörte hingegen ein feines, mit roten Farbtupfen bemaltes Keramikgefäß. Spinnwirtel zeigen, dass von den Bewohnern Wolle verarbeitet wurde.
Der Brandkatastrophe fiel möglicherweise eine Bewohnerin zum Opfer, deren sterbliche Überreste ebenfalls in der Brandschicht zum Vorschein kamen.
Nach dem Brand wurde das Haus nicht wieder aufgebaut. Vielmehr diente es als Bestattungsplatz. Ein solches Vorgehen ist für die Spätantike und dem Frühmittelalter auch andernorts belegt.
Später wurden Teile der nördlichen Hausmauer beim Bau der Nordmauer des Kirchenschiffes im Fundament mitverwendet.

Frühmittelalter

Im 7. Jh. gehörte der Vinschgau zum Einflussgebiet der Franken. Im Gegensatz dazu zählte der südliche Teil des heutigen Südtirol zum langobardischen Machtbereich, während sich im Osten (Pustertal) Bajuwaren niederließen. Als Verbündete der Franken wanderten letztere auch in den Vinschgau ein. In diese Zeit fällt der Erstbau der Kirche, die zwischen 630 und 650 n. Chr. errichtet wurde. Die Datierung gelingt anhand eines Männergrabes, dessen Lage sich bereits am bestehenden Kirchenbau orientiert. Aus dem Grab stammt ein Sax, das typologisch noch vor 650 datiert. Das Kurzschwert diente als Hieb- und Stichwaffe.
Wer die Kirche erbaute ist nicht eindeutig zu belegen. In Frage kommen sowohl ein wohlhabender bayrischer Zuwanderer als auch ein angesehener, einheimischer Alpenromane. Fest steht, dass die einfache Saalkirche im 7. Jh. als Friedhofskirche diente. Im Umfeld der Kirche kamen insgesamt 60 frühmittelalterliche Gräber zum Vorschein, die jüngsten datieren um 700/720 n. Chr. Unterschiedliche Bestattungssitten und Grabgestaltung verraten, dass Angehörige beider Volksgruppen - zugewanderte Germanen und einheimische Romanen - hier ihre letzte Ruhe fanden. Als typisch romanisch gelten etwa steinumrahmte Grabgruben. Typisch germanisch sind hingegen die Waffenbeigabe und die reihenförmige Anordnung der Gräber.

Spätmittelalter

Aus dem Spätmittelalter stammt die erste schriftliche Erwähnung der St. Prokulus Kirche. Dabei handelt es sich um eine Kaufurkunde aus dem Jahr 1365, der zufolge die Herren von Annenberg St. Prokulus mit dem Recht erwarben, dort Bestattungen vorzunehmen. Kurz zuvor hatte das Adelsgeschlecht eine Burg auf der gegenüberliegenden Talseite erstanden. Die Annenberger waren es auch, die im Anschluss an den Kauf eine umfassende Neugestaltung der Kirche veranlassten. Ihre Familiengruft ließen sie im Kirchenschiff anlegen. Der Grabstein aus weißem Marmor ist bis heute erhalten. An Funden konnten unter anderem Goldfäden eines kostbaren Gewandes aus Brokatstoff geborgen werden. Das Kleidungsstück diente als Totengewand für einen Angehörigen der Annenberger Adelsfamilie, der hier im 14. Jahrhundert beerdigt wurde.
Während in vielen Gegenden Europas die Romanik bereits im Laufe des 13. Jh. zu Ende gegangen war, verlief diese Entwicklung in Südtirol und insbesondere im Vinschgau etwas anders. Hier verhinderten kriegerische Auseinandersetzungen und Armut bis in die Zeit um 1500 ein wirkliches "Erblühen" der Gotik. Nicht zuletzt deshalb haben sich in dieser Gegend besonders viele romanische Bauelemente und Bauwerke bis heute erhalten. Geprägt ist der romanische Stil im Tal vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen, vom rätoromanischen Erbe, dem fränkischen Einfluss und der Gründung des mächtigen Klosters Marienberg.
 

Frühe Neuzeit

Tirol ist seit jeher ein Durchzugsgebiet und daher in besonderem Maße der Seuchengefahr ausgesetzt. Viele Reisende und Händler zogen entlang der wichtigen Nord-Süd Transitstrecken durch das Land. So verwundert es nicht, wenn im Jahr 1636 die damals grassierende Fleckfieberepidemie auch Naturns erfasste. Innerhalb weniger Monate starb jeder vierte Einwohner daran. St. Prokulus wählte man als Begräbnisstätte für die Seuchenopfer.
Der restliche Teil Tirols war bereits länger von der umgangssprachlich als Pest bezeichneten Seuche befallen. Immerhin zwei Jahre lang war es Wachen an den Dorfeingängen gelungen, Naturns vor der Epidemie zu schützen. Letztlich waren die Vorsichtsmaßnahmen vergeblich. Zu viele Soldaten, die am 30jährigen Krieg beteiligt waren, zogen damals durch den Vinschgau und schleppten die Krankheit mit sich.
Bereits seit dem 16. Jahrhundert wurden vermehrt Vorschriften zur Vorbeugung und Bekämpfung derartiger Epidemien erlassen. Pestärzte mit Schnabelmasken untersuchten die Kranken. Erkrankungen mussten gemeldet werden und Bader hielten Totenschau. In den Pesthäusern pflegten Wärterinnen die Kranken, Zuträger versorgten sie mit Nahrung. Oft wurden Straftäter und Prostituierte für diese Dienste eingesetzt. Angehörige von Infizierten brachte man in Lazaretten unter. Die Toten wurden auf außerhalb der Ortschaften liegende Pestfriedhöfe geschafft. Bei Seuchengefahr konnten Grenzen geschlossen und strenge Kontrollen durchgeführt werden.

Anthropologie

Im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Forschungen zu St. Prokulus wurden die sterblichen Überreste von etwa 200 Individuen, die man über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren um die Kirche bestattete, anthropologisch untersucht.
Dabei konnten interessante Erkenntnisse zur Zusammensetzung der einstigen Bevölkerung, zu Krankheitsbildern, zum Alter, zur Lebenserwartung und den Auswirkungen der Pest gewonnen werden.
Zur Altersbestimmung können sowohl Zähne herangezogen werden, aber auch der Verwachsungsgrad der Schädelnähte und die Knochenstruktur der Oberarme und Oberschenkel sind aussagekräftige Indikatoren. Demnach erreichten die im Frühmittelalter beerdigten Menschen ein Durchschnittsalter von nur 34 Jahren. Jeder vierte von ihnen litt zu Lebzeiten an einer Mangelerkrankung infolge einseitiger Ernährung. Außerdem plagten sich viele der Bestatteten mit Arthrose. Weitere 30% Prozent hatten mit Karies zu kämpfen. Heute leiden allerdings über 90% der Bevölkerung an der Zahnkrankheit.
Was das Sterbeverhältnis zwischen den Generationen anbelangt, hat die Altersbestimmung der Verstorbenen aus dem Pestfriedhof ergeben, dass es sich bei der Hälfte der 135 Seuchenopfer um Kinder und Jugendliche handelt. Diese Altersgruppen waren augenscheinlich anfälliger für epidemische Erkrankungen.
Neben diesen demographischen Erkenntnissen, lieferte die Anthropologie auch Hinweise auf sehr persönliche Schicksale. So zeigten einige Skelette Spuren von Verletzungen wie etwa Knochenbrüche. Während diese meist auf Unfälle zurückzuführen waren, starb der Mann aus Grab 26 hingegen eines gewaltsamen Todes. Ihm wurde der Schädel mit einem Schwerthieb gespalten. Demselben Individuum hatte man bereits früher das Schädeldach mit einem stumpfen Gegenstand zertrümmert. Die Verletzung heilte allerdings aus, bis es letztlich zum tödlichen Schwerthieb kam.

Gotische Fresken

Die gotischen Wandmalereien von St. Prokulus standen seit jeher im Schatten der älteren und bis heute einzigartigen Wandgemälde des Frühmittelalters. Bezeichnend dafür ist, dass jene gotischen Malereien, die ihre frühmittelalterlichen Vorgänger überlagerten, während der Restaurierung im Jahr 1923 samt darunter liegendem Wandverputz einfach abgenommen wurden. Teile davon galten lange Zeit als verschollen. Nunmehr sind sie im Prokulus Museum wieder zu sehen.
Ihre Geschichte begann mit der weit reichenden Umgestaltung der Kirche im 14. Jh. Zunächst wurde um 1330/1340 der Altarraum malerisch völlig neu gestaltet. Die Rückwand zierte von nun an eine Kreuzigungsszene, die stilistisch der Frühgotik zugeordnet werden kann. Charakteristisch dafür sind die streifenförmige Umrahmung der Bildfläche, der blau gehaltene Hintergrund, die schlanken, wenig körperhaft ausgeführten Figuren und das völlige Fehlen von Räumlichkeit. Die Gewölbetonne erhielt zur selben Zeit eine Ausmalung die den Weltenrichter zeigt, der von den Evangelistensymbolen umgeben ist.