Geschichte

Familie Koch stellt ihre fachkundigen Informationen über die St. Prokuluskirche Interessierten und Neugierigen seit über 30 Jahren zur Verfügung.

Die St. Prokuluskirche blickt auf eine ereignisreiche Vergangenheit zurück: Von Neugestaltungen über die Einrichtung eines Seuchenfriedhofs und Massengrabes für Pestopfer bis hin zu den Ausgrabungen und Entdeckungen der Wandmalerein durch Kunsthistoriker und Wissenschaftler.

630/650

Der Erstbau der Kirche erfolgte in den Jahren um 630/650. Der einfache Bau besaß das noch heute original vorhandene rechteckige Kirchenschiff mit dem eingezogenen trapezförmigen Chor. Der Eingang lag im Süden. Flankiert wurde die Eingangstür von einem kleinen, holzgerahmten Fenster, das heute noch erhalten ist. Im Inneren trennte vermutlich eine hölzerne Chorschranke den Chor vom übrigen Teil der Kirche. Letzterer besaß zudem einen erhöhten Boden. Zumindest die Wände im Altarraum waren wahrscheinlich mit Malereien verziert. Darauf deuten Verputzreste mit geometrischen Mustern hin, die bei den Bodenuntersuchungen außerhalb der Kirche ans Tageslicht kamen. Zur Erstausstattung gehörte außerdem ein gemauerter Altar.

10./11. Jahrhundert

Die jüngst veröffentlichte These, derzufolge es sich bei der St. Prokulus Kirche um eine Rechtecksaalkirche aus dem frühen 7. Jh. handle, welche erst im 10. oder 11. Jd. ihren trapezförmig eingezogenen Chor erhielt, konnte bisher archäologisch nicht verifiziert werden.
Wäre dem so, hätte der gesamte Ostteil der Kirche (Kirchenchor) bis zum östlichen Ende der Nord- und Südmauer des Kirchenschiffes im 10. oder 11. Jh. abgerissen werden müssen. Der Triumphbogen mit den ältesten Malereien wäre somit um einige Jahrhunderte jünger.
Dieser Spätdatierung widersprechen auch zahlreiche Kunsthistoriker. Deren Datierungsvorschläge für die Wandmalereien reichen sowohl in das 8./9. Jh. aber auch bis in das 7. Jh. zurück. Einig sind sich die Kunsthistoriker darüber, dass zwei verschiedene Maler am Werk waren, da sich die Wandgemälde des Triumphbogens stilistisch deutlich von jenen im Kirchenschiff unterscheiden.

12./ 14. Jahrhundert

Im Spätmittelalter kommt es zu einer umfassenden Neugestaltung von St. Prokulus. Im 12., 13. oder 14. Jh. erhält die Kirche zunächst einen Turm und der Altarraum wird mit einem Tonnengewölbe ausgestattet. Gleichzeitig verlegt man den Eingang von der Süd- auf die Westseite. Nachdem die Annenberger St. Prokulus 1365 als ihre Begräbnisstätte erworben haben, lassen sie das Kirchenschiff erhöhen. Einheimische Künstler tragen neue Wandmalereien im gotischen Stil auf. Ihre Vorbilder sind Malereien aus dem Bozner und Meraner Raum. Das frühgotische Kreuzigungsbild im Altarraum ist im Linearstil ausgeführt, der in Südtirol beheimatet ist. Kennzeichnend dafür ist eine kräftige Linie, mit der die Gestalten umgeben sind. Kunsthistoriker gehen davon aus, dass dieses Wandgemälde etwas älter ist als jene im Kirchenschiff und an der südlichen Außenwand, an denen Einflüsse der italienischen Trecento-Malerei zu erkennen sind.
Neben der Gruft im Kirchenschiff dient auch der Friedhof um die Kirche weiterhin als Bestattungsplatz.

1365

Das Adelsgeschlecht der Annenberger erwirbt St. Prokulus. Sie veranlassen eine umfassende Neugestaltung. Das Kirchenschiff wird erhöht und die Innen- und Außenfassaden mit gotischen Fresken geschmückt. Die älteren Wandmalereien bleiben darunter erhalten.

1636

Im August 1636 breitet sich in Naturns die Fleckfieberepidemie aus, die im Volksmund als Pest bezeichnet wird. Ein Viertel der Bevölkerung wird dahingerafft. Aus Furcht vor Ansteckungsgefahr werden die Seuchenopfer nicht neben der Pfarrkirche im Dorfzentrum begraben. Vielmehr entschließt man sich dazu, den Seuchenfriedhof zur St. Prokulus Kirche zu verlegen, die sich etwas außerhalb des Dorfes befindet. Gibt es an einem Tag mehrere Opfer zu beklagen, bestattet man diese jeweils in einem Massengrab. Die Verstorbenen werden dicht aneinandergedrängt in die Grabgrube gelegt, die Arme oft übereinander gelegt. Sind Kleinkinder unter den Opfern, legt man sie auf die Leiber der Erwachsenen.
Verschiedene Gräber des Seuchenfriedhofes enthalten persönliche Gegenstände der Verstorbenen. Dazu gehören Fingerringe, Kettchen und einige Münzen. Mehreren Toten wickelt man Rosenkränze um die Hände. Einem kleinen Mädchen wird außerdem eine geweihte Kupferkapsel mit Heiligenbildchen mitgegeben.
Der Kirchenbau bleibt in dieser Zeit nahezu unverändert. Einzig die Wandmalereien werden weiß übertüncht.

1912

Während der Kirchenrestaurierung kommen die frühmittelalterlichen Wandmalereien zum Vorschein. Von nun an ist das Kirchlein für Kunstinteressierte ein lohnendes Ziel.

1985/86

Archäologen führen Grabungen in und um die Kirche durch. Dabei kommen sowohl Gräber aus der Gründerzeit als auch der Seuchenfriedhof des 17. Jhs. ans Tageslicht.

2006

Im Mai 2006 wurde das Prokulus Museum nahe der Kirche eröffnet. Herzstück der Ausstellung sind die archäologischen Funde aus der Kirche und dem dazugehörigen Friedhof.